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ABRECHNUNG 02-2001
 

Beitrag vom Sonntag, den 04.11.01 22:00

Die wichtigste und zugleich deprimierenste Nachricht der vergangenen Tage für die niedergelassenen Chirurgen in Nordrhein war sicherlich die Abrechnung 2-2001 mit einer Auszahlungsquote von 82%.
Ich nehme es vorweg: Wir kennen den Grund dafür nicht, daß wir immer wieder das Schlußlicht der Fachgruppen sind, obwohl wir die längste Ausbildung und teilweise risikoreichste Arbeit leisten, was ja an den höchsten Haftpflicht-Prämien zum Ausdruck kommt. Mag sein, daß ein Teil die ermächtigten Chefärzte abgeschöpft haben, einen anderen Teil Neuzulassungen von Untergruppen der Chirurgie, obwohl doch Zulassungsstop herrscht.
Aber die KV meinte, Kinderchirurgen, Plastische Chirurgen, Neurochirurgen und (man staune) sogar Cardiochirurgen müßten noch zugelassen werden, die Bezahlung dieser Kollegen soll dann aber bitte vom Budget der Chirurgen – ohne dieses zu vermehren – geleistet werden. Klar, daß die Auszahlungsquote heruntergeht. Aber die 18 % sind auch hierdurch nicht zu erklären.
Ich glaube am ehesten, daß die Übernahme von abgewirtschafteten Praxen durch dynamische Neuanfänger mit viel Elan die Hauptursache ist. Diese Kollegen dürfen die Punktmenge bis zum Fachgruppen-Durchschnitt steigern; diese Punktzahl-Vermehrung war natürlich bei der Berechnung der Fachgruppen-Töpfe nicht berücksichtig und führt jetzt zur Senkung der Auszahlungs-Quote.

Wir haben in einem relativ guten Quartal das schlechteste Ergebnis erzielt.
Im Vergleich zur Einführung der Individual-Budgets mit einem festen Punktwert von 10 Pf bei 100 Prozent Auszahlung haben wir also 18% Umsatzeinbuße.

Da wir praktisch keine Möglichkeit haben, den Umsatz durch andere Aktivitäten zu steigern, bleiben jedem erst einmal nur der Gang zur Bank, um den Überziehungsrahmen zu vergrößern.
Mittelfristig werden aber drastische Sparmaßnahmen in den Ausgaben der Praxis nicht zu umgehen sein.

An ersten Stelle stehen hier natürlich die Personalkosten. Jede nicht voll ausgelastete Arzthelferin wird in ihrer Stundenzahl reduziert. Teilweise muß auch versucht werden, Arzthelferinnen durch Azubis zu ersetzen. Aber auch das geht nicht endlos, wenn man die Leistungen einer chirurgischen Praxis aufrechterhalten will.

Natürlich wäre es fatal, wenn jemand den Ruf seiner Chirurgischen Praxis aufs Spiel setzt, weil er aus Kostengründen Kernleistungen seiner Praxis nicht mehr in vollem Umfange erbringen kann oder will. Dies darf im ureigensten Interesse niemand wollen.
Es ist fast nicht mehr möglich, eine einmal ruinierte Reputation wieder aufbauen zu wollen.

Aber was können wir dann tun?

Man muß den Bereich der Praxis herunterfahren, der nicht unbedingt für den Ruf und die
wirtschaftliche Weiterexistenz erforderlich ist. Das kann bei verschiedenen Chirurgen zu
unterschiedlichen Entscheidungen führen.

Aber unbestreitbar ist die weitere Fortführung des ambulanten Operierens wirtschaftlich unter den gegebenen Umständen nicht mehr machbar. Es kommt meiner Meinung jetzt nicht darauf an, daß wir mit großen Sprüchen an die Öffentlichkeit gehen. Das haben wir schon oft gemacht, ohne daß sich etwas geändert hättte.

Wichtig ist, daß wir real in der ambulanten chirurgischen Versorgung etwas ändern.
Nur diese Sprache wird in der Politik, bei den Krankenkassen oder bei der KV verstanden.

Wenn wir nur lamentieren, wie schlecht es uns geht, trotzdem aber alle Leistungen weiter erbringen, hat niemand Grund, die Chirurgen wirklich ernst zu nehmen.

Ich wiederhole: Auf keinen Fall darf diese Einschränkung der Versorgung zu einer Brüskierung der Patienten und Rufschädigung führen. Vielleicht kann man das so machen, daß die Pat. kaum etwas davon mitbekommen. Ohne große Begründung kann man 10 bis 15% der Operationen, die bisher ambulant gemacht wurden, stationieren und dies mit plausiblen medizinischen Begründungen absichern.
Also: Die Praxis operiert weiter, alle chirurgischen Leistungen werden wie bisher weiter erbracht, aber die Gesamtleistungen werden heruntergefahren. Bei alledem muß jeder darauf achten, daß er sein Individual-Budget erreicht, sonst hat er weitere Einkommenseinbußen.

Als die Ersatzkassen versucht haben, uns einen Struktur-Vertrag amb. Operieren mit einem Punktwert von 8,7 Pf. anzubieten, haben wir das abgelehnt. Die KV und die Ersatzkassen haben uns dabei zunächst nicht ernst genommen und gedacht, wir werden diesen Vertrag schon durchdrücken und unterschrieben.

Wenn jetzt viele niedergelassene Operateure mitgemacht hätten, dann hätten wir tatsächlich verloren Aber: Ohne großes Aufsehen zu erregen, haben wir einfach nicht mitgespielt, niemand hat sich an diesem Struktur-Vertrag beteiligt.
Das wirkte. Jetzt kommt das Angebot, über diesen Struktur-Vertrag neu zu verhandeln.
Mal sehen, was dabei herauskommt. Wir werden schon aufpassen und alle informieren.

Die wichtigste Erkenntnis aber ist: Nur eine Veränderung der realen Versorgung führt zu neuen Möglichkeiten der Verhandlung, nicht große Sprüche, Interviews, Demos oder ähnliches.
Solange die niedergelassenen Chirurgen alles schlucken und Leistungen eindeutig unter den Selbstkosten erbringen, wird sich nichts ändern – warum auch.

Ich hoffe, daß die katastrophale Abrechnung auch ihr gutes hat: Dass endlich die Mehrheit der Chirurgen erkennt, daß sie in ihrem Verhalten und Pflichterfüllung etwas ändern muß – allerdings immer im Bewußtsein, sich nicht selber zu schädigen!

Ich hoffe auf Resonanz im Forum zu diesen Fragen!

Andreas Henatsch, Internet-Verantwortlicher des Vorstandes im ANC-Nordrhein.